"Wie ein Krebs das Fliegen lernt"
Der Amerikaner Wainfan war der erste, der einen lifting body als Ultraleicht entwarf, baute und erfolgreich flog. Ein Flugzeug, das an die Stealth-Flugzeuge erinnert, laut Wainfan aber vor diesen und unabhängig davon entwickelt wurde. Warum auch nicht, Ideen entstehen oft zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten.
Interessant ist, daß dieses Flugzeug in der Leistung den üblichen UL-Flugzeugauslegungen nicht nachsteht, sogar in puncto Stall und Trudeln sicherer ist und mit modernen Baustoffen aufgrund der facettierten Oberfläche extrem leicht gebaut werden könnte. Als ein Hohlkörper aus Sandwichplatten. Dazu gibt es eine schöne Studie: http://members.aol.com/slicklynne/pavreport.pdf
Nachteilig ist aber, daß für solche Flugkörper keine standardisierten Daten ähnlich solchen von Flügelprofilen und Flächenformen vorliegen, sondern daß man jeden Lifting body als ein neues Gesamtsystem betrachten muß, für das es gilt, ein sinnvolles Gesamtströmungsumfeld zu schaffen. Und was da sinnvoll ist, erklärt sich z.B. auch aus einer Betrachtung der Deltaflugzeuge.
Deltaflugzeuge entwickeln je nach Flügelform, Profil, Anstellwinkel und Ausformung ihrer Nasenkante zwei Arten von Auftrieb. Bei Deltas mit großem Nasenwinkel und großer Streckung überwiegt der Potentialauftrieb, der auf die gleiche Weise entsteht wie bei einem üblichen Flügel, durch eine Translationsstromung. D.h., der Flügel wird in Flugrichtung umströmt und es entstehen Druckdifferenzen in der Umströmung. Links zeigt dies die untere Kurve.
Bei Deltas mit einem kleinen Nasenwinkel, also auch kleiner Streckung, entstehen dagegen bei einem flachen Profilverlauf und einer scharfen Eintrittskante eine Rotationsströmung über der Oberfläche. Zwei Tütenwirbel, deren örtliche Zusatzgeschwindigkeiten einen sehr starken Auftrieb erzeugt - den Wirbelauftrieb. Er ist stabiler als der Potentialauftrieb, läßt also höhere Anstellwinkel zu, ist aber widerstandreich.
Und es können auch beide Formen im Wechsel, je nach Anstellwinkel vorkommen. Einen besonderen Nachteil hat die typische Deltaform aber auch:
Die linke Skizze zeigt die Auftriebsverteilungen über dem Flügel im Querschnitt - von hinten oder von vorne gesehen. Es fällt auf: Deltaflugzeuge weisen mittig einen sehr schwachen Auftrieb auf, es fehlt das schraffierte Gebiet. Ursache dafür ist, daß hinter dem Flügel mittig ein starkes Abwindfeld entsteht, bewirkt durch die starken Randwirbel, die bei jeder Auftriebsart auftreten. Starker Abwind mittig hinter einem Flügel hebt aber die Strömung mittig vor dem Flügel an - der effektive Anstellwinkel wird dort klein. Die Folge ist deutlich fehlender Auftrieb in der Mitte.
Ein lifting-body kann nun dieses "Mittenloch" im Auftrieb dadurch zu füllen versuchen, daß er dort eine "überhohe" gekrümmte Struktur aufweist, die über den Coanda-Effekt - die Strömung folgt der Form - einen Coanda-Zusatzauftrieb nur für die Oberseite erzeugt. Daadurch kann das "Mittenloch" schwächer werden.
Der mittlere Rumpfkörper für den Coanda-Auftrieb darf aber nicht wie die Oberseite eines Profils arbeiten, da dieser Auftrieb im Wirkort mit dem Anstellwinkel stark wandern würde. Schlecht für die Flugstabilität. Kantige Formen mit definierten Unterdruckgebieten an den Kanten bieten einen weit ortsstabileren Auftrieb, aber mit höherem Widerstand. Deshalb funktioniert das Facetmobile von Wainfan so gut. Die Unterseite des Körpers kann gerade sein oder wie hier gezeigt v-förmig. Dies erhöht die Rolldämpfung eines solchen Flugkörpers.
Auch die Natur kennt lifting bodies, etwa bei bestimmten Pfeilschwanzkrebsen Diese weisen einen flachen "Umlaufflügel" auf, der seitlich stabilen Wirbelauftrieb möglich macht. Und inder Mitte sitzt dann wie oben erläutert ein "Rumpfmittelteil", das scharf vom Hinterteil getrennt ist.
Einverstanden: Wohl niemand außer mir sieht in diesem uralten Krebs ein lifting body, aber Form und Ausprägung sprechen dafür.
Interessant ist auch das Ende des "Flügels", beim Krebs, der in zwei Spitzen ausläuft. Solche Formen findet man, wenn Tütenwirbel maximal weit über eine Fläche geführt oder definiert abgeführt werden.
Eine mögliche technische Lösung:
Grundform ist der Umriß einer Parabel. Dazu grün gezeichnet ein horizontale Umlauffläche, mit der Tütenwirbel leicht erzeugt und mangels Reibung stabil gehalten und geführt werden können. Tübenwirbel sind empfindlich für Reibung, da sie innen viel langsamer drehen als außen, also durch äußere Reibung schnell zur Gänze in der Rotation gebremst werden können. Das sollte erst am Ende des Flugkörpers der Fall sein, damit der nun frei abgehende Wirbel so schwach wie möglich ist, da dessen Existenz Energie vom Flugzeug abzieht. (Daher hinten die Flossen.) Und um das "Mittenloch" dieses speziellen Parabelfliegers zu füllen, mittig eine kantige Struktur, wie sie die Natur an bestimmten Pfeilschwanzkrebsen zeigt und wie sie Wainfan erfolgreich am Delta verwendete. Drei Ideen in einem gemeinsamem Konzept.
Doch eigentlich bin ich von diesem Crab-Konzept wieder weg und bei dem Parabelring angelangt...
Hier die gegenwärtige Auslegung des Parabelflugzeugs erstellt mit Vortex von Frank Ranis. Der abgebildete Flugkörper besitzt eine Spannweite von 7 m, hat eine Masse von 450 kg und weist bei 150 km/h ein Gleitverhältnis von 22:1 auf. Stabilitätsmarge 15%. Flügelhöhe Mitte o,8 m - ein 0,2 m Cockpit fehlt noch.
Man sieht deutlich, dass die Finnen den Wirbelabgang von der Fläche weg weiter nach oben verlegen. Die Verschlechterung ohne Finnen (oder mit waagerechten Finnen = Flügelverlängerungen) beträgt rund 18%!
Der gleiche Flugkörper von unten. Ob er für negative Anstellwinkel so "rund" sein darf, ist noch fraglich.
Hier die "inneren Werte". Die Idee beruht darauf, eine parabelförmige Zone geringen Druckes zu schaffen, die ein konkaves Gebiet stromabwärts umschliesst.
Spezielle Profile, die im Anstellwinkel von ca 0 bis 0,6 vernünftig arbeiten und einen hohlen Rücken haben werden zum Aussenbereich hin zu bikonvexen Profilen gestrakt - Schränkung. Die gesamte Hinterkante kann eine differenzierte Klappenfunktion aufweisen. Stabilität wird ab -2 Grad S-schlag an der Hinterkante erreicht - StMarge 15%.
Links die Druckverteilung bei 4 Grad Anstellwinkel. Nach einer Vorbeschleunigung soll der Druckverlauf durch eine längere Anlaufstrecke halbwegs gemässigt sein. (Programm profili2)
Ob es gelingt, mit solchen Profilen, die in der Art einer Parabel zu einem Körper angeordnet werden, für diesen eine Druck-/ Geschwindigeitsverteilung zu erzeugen, die vorteilhafter ist als für einen der heute diskutierten blended wing bodies, bleibt noch abzuwarten und kann von mir nicht untersucht werden. Dazu braucht man CFD-Programme/Rechner.
Wozu überhaupt solch ein Parabelflugzeug?
Klassische Rümpfe erzeugen Widerstand und kaum Auftrieb. Klassische Nurflügel sind nicht gerade ein Wunder an Kompaktheit - so kam man auf den sogenannten blended-wing-body. Nach allem, was ich weiss, werden blended wing bodies im Kanal und Modell gut funktionieren, können aber im Original plötzliche Druckpunktwanderungen zeigen, die das System instabil machen. (Das ist auch schon passiert mit einem Originalflugzeug, dessen Grossmodell hervorragend ferngesteuert flog. Bereits im Start kam es zu einem völlig unerwarteten "pitchup" mit Crash.
Ursache dafür ist/war meines Erachtens, dass man Auftrieb in seiner Ursache sehr verschieden definieren kann - und das heute auch tut - und dass man bei einem sehr grossen blended wing body unerwartete Effekte erwarten muss, wie sie ähnlich an einem nicht eindeutig gewölbten Dach einer Halle auftreten. Hier versagen klassische sowie modernere Theorien der Auftriebserzeugung in der voraussage und man ist auf Coanda beschränkt.
Gleichwohl entsteht ganz beträchtlicher, messbarer Auftrieb. Und ein Auftrieb, dessen Wirkzentrum bei geringer Wölbung des Daches je nach Anblasrichtung viel weiter wandern und neue Druckzentren haben kann, als es bei einem Flügel - etwa einem eindeutigen Delta - je der Fall wäre.
Solche Lift-shift-Effekte auf grossen gewölbten Flächen, denen man kein eindeutiges Profil zuordnen kann, kann man vermeiden, wenn man wie hier gezeigt, klare Auftriebszonen um ein hohlgeschnittenes Zentrum in der Oberfläche des Körpers anordnet. Eine Oberfläche mit klaren Kanten und Wirbelabgängen (ähnlich wie beim Boxfish) wäre ein anderer Weg...
Schauen wir mal, manchmal bin ich mit meinen Überlegungen ja etwas früh.